Küken-Alarm im Masoala Regenwald: Nachwuchs bei bedrohten Vogelarten

Wer derzeit aufmerksam durch den Masoala Regenwald läuft, kann einige Vogel-Jungtiere entdecken. Manche sind schon etwas älter, andere frisch geschlüpft und noch ist die Brutsaison nicht zu Ende. Besonders erfreulich ist der Nachwuchs bei den Mähnenibissen, den Bernierenten und den Madagaskarenten.

Alle drei Arten sind in ihrem Bestand gefährdet, die beiden Enten-Arten gar stark bedroht. Jedes Küken ist wertvoll für den Arterhalt. Unser Tierpfleger und Vogel-Experte Nicolai Becker hat den Nachwuchs daher genaustens im Blick.

Bewaffnet mit einem Fernglas zieht Tierpfleger Nicolai Becker derzeit regelmässig seine Runden durch den Masoala Regenwald. Immer wieder bleibt er stehen, beobachtet, schaut durchs Fernglas, beobachtet nochmals und geht im besten Fall zufrieden weiter. Ab und an wird er allerdings auch nervös. Dann, wenn er zwar Jungtiere entdeckt, von den Eltern auf den ersten Blick aber jede Spur fehlt. „Oh, Küken-Notfall. Die haben sich da offenbar verloren. Ich geh mal schnell gucken“, sagt er und verschwindet im Dickicht.

Kurze Zeit später – Entwarnung. Die Mutter war in das Revier einer benachbarten Ente geraten, nach kurzer Auseinandersetzung geflüchtet und die Küken kamen nicht schnell genug hinterher. Das Rufen der Mutter ist für die Küken aber weithin hörbar, so dass die Familie kurz darauf wieder vereint ist.



Arbeitsteilung bei der Aufzucht

Wenn die Familienzusammenführung nicht auf Anhieb klappt, unterstützt Becker auch mal. Er kennt fast jeden Vogel im Masoala Regenwald persönlich und weiss sehr genau, welcher Nachwuchs zu welchen Eltern gehört. Fünf Bernierenten-Paare haben derzeit Küken. Sechs weitere brüten gerade. Anders, als beispielweise bei den ebenfalls stark bedrohten Madagaskarenten – hier sind die Mütter alleinerziehend – teilen sich die Eltern bei den Bernierenten die Aufzucht.


Bernierente Anas bernieri; Junge

Bernierente Anas bernieri; Junge

Bernierente Anas bernieri; Junge

Mit aktuell 19 Paaren hält der Zoo Zürich weltweit den grössten Bestand dieser stark bedrohten Art und leistet durch die sehr erfolgreiche Zucht einen wichtigen Beitrag zum Arterhalt. Bernierenten zählen zu den seltensten Entenarten der Welt. Schätzungsweise weniger als 1900 Tiere leben derzeit noch auf Madagaskar. Bedroht sind die Tiere vor allem durch den Verlust von Lebensraum durch landwirtschaftliche Nutzung sowie teilweise auch durch die Jagd.

Blick nach oben lohnt

Neben den Enten hat Becker auch die Mähnenibisse derzeit genau im Blick. Vier Paare haben dieses Jahr erfolgreich gebrütet oder sind noch dabei. Ein Paar brütet bereits zum zweiten Mal. Das erste Jungtier ist schon ausgeflogen. Sind die Bedingungen gut, ist dies nicht ungewöhnlich.

Ebenfalls besonders, auch das Männchen, das 2004 als erste Mähnenibis-Naturbrut in einem Zoo überhaupt bei uns im Masoala Regenwald durch seine Eltern aufgezogen wurde, brütet nach wie vor selbst erfolgreich. Dieses Jahr hat er mit seiner Partnerin zwei Jungtiere grossgezogen.

Mähnenibisse sind Bodenbewohner, die den Waldboden mit ihren langen Schnäbeln nach Fressbaren durchstochern. Wer jedoch ein Nest entdecken möchte, muss nach oben gucken. Denn auch wenn es sich nicht oft beobachten lässt, Mähnenibisse können fliegen. Zum Schlafen und Nisten zieht es sie in die Höhe – zum Schutz vor Fressfeinden.


Mähnenibis Lophotibis cristata; Nistmaterial

Mähnenibis Lophotibis cristata; Junge im Nest

Mähnenibis Lophotibis cristata; Junge im Nest

Auch Bodenbewohner können fliegen

Alle vier Mähnenibis-Nester sind von den Besucherwegen aus zu sehen. Allerdings braucht es gute Augen, denn durch ihr bräunliches Gefieder sind die Eltern beim Brüten im Geäst perfekt getarnt. Wie bei den Bernierenten herrscht auch bei den Mähnenibissen Arbeitsteilung bei der Aufzucht des Nachwuchses. Sobald ein Junges das elterliche Nest verlässt, ist es jedoch auf sich selbst gestellt. Und so kann unser Tierpfleger aktuell bereits drei Jungvögel beobachten, wie sie durch den Masoala Regenwald streifen.


Mähnenibis Lophotibis cristata; Junge im Nest

Mähnenibis Lophotibis cristata; Junge im Nest; Füttern

Mähnenibis Lophotibis cristata; Junge im Nest

Auch die Mähnenibisse sind in ihrem Bestand gefährdet. Ihr Fleisch und die Eier sind schmackhaft, weshalb sie bejagt werden. Zudem schwindet ihr Lebensraum durch Rodungen und die Umwandlung in Marsch- und Ackerflächen. Ihr aktueller Bestand wird auf weniger als 6700 Tiere geschätzt, Tendenz stark abnehmend.

Bereits seit 1995 setzt sich der Zoo Zürich im Bereich Natur- und Artschutz, Bildung und Forschung für den echten Masoala Regenwald auf Madagaskar ein. Mit der erfolgreichen Zucht verschiedener gefährdeter Arten wie der Bernierente, der Madagaskarente und dem Mähnenibis – die weltweit erste erfolgreiche Brut und Aufzucht durch die Mähnenibisse selbst gelang in Zürich – leisten wir einen wichtigen Beitrag zum Natur- und Artenschutz.


Madagaskarente Anas melleri

Madagaskarente Anas melleri

 

Quelle: Zoo Zürich
Bildquelle: Zoo Zürich, Enzo Franchini

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